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Weltdiabetikertag 14. November 2001 - Diabetes verhindern

"Herr Dr. Storm, glauben Sie, dass man den Diabetes verhindern kann?" fragte mich Herr Leder von einem knappen Jahr. Mit 80 Jahren leitet er die Diabetiker Selbsthilfegruppe Bad Bevensen / Uelzen. Ich begann darüber nachzudenken, führte mir die aktuellen Entwicklungen der Wissenschaft vor Augen.

"Natürlich kann man das, man muss nur die Menschen rechtzeitig vorher aufklären und da muss man nur bei den Kindern anfangen,also in der Schule!" nahm er mir dann die Antwort vorweg.
 

Je länger ich mich mit diesem Gedanken befasste, desto konkreter wurde die Idee, eine Aktion in einer Schule zu diesem Thema durchzuführen.

 
Diabetesmarkt in der Pausenhalle. Hier werden die alten Geräte von Mitgliedern der Selbsthilfegruppe erklärt.
Am Tisch der Selbsthilfegruppe wurde Literatur rund um das Thema Diabetes angboten.
Blutzuckertest - "Das tut ja gar nicht weh!"
Blutzuckermessung fast ohne Schmerzen.

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Anlässlich eines Schulfestes im August 2001 sprach ich den Direktor der Orientierungsstufe Lehrte-Süd Herrn
Dr. Teiwes diesbezüglich an und er war dem Gedanken gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen. Wir vereinbarten
einen Termin für ein ausführliches Gespräch.

Die Ursache für die rasche Zunahme der Typ 2 Diabetiker ist der sogenannte westliche Lebensstil und hier
insbesondere die ( Über- ) Ernährung und der Bewegungsmangel. In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl
der Typ 2 Diabetiker verdoppelt und für die kommenden 15 Jahre wird erneut eine Verdoppelung erwartet,
dann werden ca. 16 % aller Deutschen daran leiden. Ein weiteres Problem ist der Schwangerschaftsdiabetes,
der eigentlich eine Frühmanifestation des Typ 2 Diabetes ist und ebenfalls deutlich zunimmt – meist aber
unerkannt bleibt.

Nach einer ausgiebigen Erörterung dieser Zusammenhänge war es keine Frage mehr, ob eine solche Aktion
zustande kommen sollte. Im Lande Niedersachsen gibt es einen Schulerlass, der es den Schulen geradezu
auferlegt, Gesundheitsthemen im Unterricht oder als Projekte in der Schule zu behandeln. Wir begannen mit
der konkreten Planung des Projekttages „ Diabetikertag in der OS“.

Die Vorbereitung des Projekttages

Die Orientierungsstufe Lehrte Süd hat 400 Kinder der 5. und 6. Klassenstufe ( im Alter zwischen 10 und 13
Jahren ). Als Termin bot sich der Weltdiabetikertag 2001 an, der auf einen Schultag fiel. Unstrittig war auch,
dass ein ganzer Schultag zur Verfügung stehen sollte und dass die ganze Schule mit 400 Kindern daran
teilnehmen sollte. Inhaltlicher Schwerpunkt der Veranstaltung sollte einmal die gesunde Ernährung werden
und dann die persönliche Begegnung der Kinder mit Diabetikern. Darüber hinaus wollten wir ein exemplarisches
gesundes Frühstück für alle Kinder anbieten und einen bunten Gesundheitsmarkt, wo die Schülerinnen und
Schüler in den Pausen u. a. ihren Blutzucker messen lassen konnten, sich alte und neue Insulinspritzen und Bz
Testgeräte ansehen konnten.

Herr Dr. Teiwes übernahm die Organisation des Ablaufes in der Schule.
Kinder in 15 Klassen innerhalb eines Vormittages durch diese Fülle von einzelnen Themen und Aktivitäten
minutiös in geordneten Bahnen zu lenken, das erforderte eine organisatorischen Meisterleistung, die Herrn Dr.
Teiwes meisterhaft gelungen ist!

Ein umfangreiches Bücherpaket bekam Herr Dr. Teiwes für die Vorbereitung seines Kollegiums mit . Bereits vor
dem Projekttag wurden die einzelnen Klassen im Unterricht mit dem Thema Diabetes befasst..
Die Eltern wurden in mehreren Schreiben darauf vorbereitet – immerhin war ja eine Bz Messung nur mit
Zustimmung der Eltern möglich.

Frau Avenriep, die als Ökotrophologin in meiner Diabetologischen Schwerpunktpraxis arbeitet, gestaltete die
von unserer Praxis übernommenen Themen inhaltlich aus. Zur gesunden Ernährung wurden 4 Stationen mit
einzelnen Aspekten zu diesem Thema geplant, die von allen Schülern durchlaufen werden sollten.
Durch die verschiedenen Stationen sollten die Kinder durch die Diabetesberaterinnen meiner Praxis geführt
werden. Gemeinsam mit Frau Rösner und einer Arbeitsgruppe von weiteren Lehrern der OS hat sie die
vorbereitenden Unterrichte und das Frühstück inhaltlich mit gestaltet. Es wurde sehr schnell deutlich, dass dafür
weitere Hilfe notwendig sein würde. An dieser Schule hatte die Einbindung der Eltern in schulische Aktivitäten
schon immer einen hohen Stellenwert und es waren genügend Eltern bereit, hierbei zu helfen. Zwei der
ortsansässigen Apotheken, die Engelapotheke und die Stadtapotheke, die sich schon länger besonders für die
Belange der Diabetiker engagierten, waren bereit den Gesundheitsmarkt zu organisieren und Personal für die
Blutzucker Messungen bereit zu stellen.

Eine Reihe von Pharmafirmen, so insbesondere die Firmen Berlin-Chemie, Lilly und NovoNordisk, aber auch
Lifescan, Medisense und Roche nahmen ebenfalls an dem Gesundheitsmarkt teil, andere unterstützten den
Projekttag finanziell oder mit Informationsmaterial.

Zu meiner großen Überraschung gelang es Herrn Dr. Teiwes weitere ortsansässige Firmen zur Unterstützung
des Projekttages zu gewinnen, insbesondere die Großbäckerei Schäfer, die für alle Kinder und Teilnehmer dieses
Tages das gesamte Sortiment an sehr leckeren Vollkornbackwaren in ausreichender Menge spendete.
Die wichtigste Rolle sollten nach meiner Überzeugung an diesem Tag jedoch die Diabetiker spielen. In kleinen
Gruppen mit den Schülerinnen und Schülern sollten sie über ihren Diabetes, wie es begann und wie sie damit
umgehen authentisch berichten. Die persönliche Begegnung hinterlässt nach meiner Überzeugung einen viel
nachhaltigeren Eindruck bei jedem Zuhörer, als ein noch so lebendiger Vortrag.

Aus der Lehrter Diabetiker Selbsthilfegruppe und unter meinen Patienten erklärten sich 25 Diabeterinnen und
Diabetiker auch sofort bereit, sich dieser – durchaus nicht einfachen – Situation zu stellen. Im Klassenverband
und moderiert durch die jeweiligen Klassenlehrer sollten 2-3 Diabetiker gemeinsam mit den Kindern diskutieren.
Zu meiner Freude bereicherte der Kollege Dr. Menzel, der an diesem Tag ebenfalls seine Gynäkologische Praxis
in Lehrte geschlossen lies, das Projekt um das Thema Gestationsdiabetes.
Soweit die Planung.

Der Weltdiabetikertag in der Schule

An dem Diabetikertag wurden in der Pausenhalle Stühle für jeweils 200 Kinder aufgestellt und ab 7:30 Uhr
kamen die Kinder der 5. Klasse erwartungsvoll zu diesem Schultag. Diabetes war für sie kein Fremdwort mehr.
Nach der Begrüßung und letzten organisatorischen Hinweisen durch Herrn Dr. Teiwes gab ich beide Klassenstufen
nacheinander einen kurzen einführenden Vortrag zu dem Grund und Thema des Projekttages. Anschließend
gingen sie in die vorbereiteten Stationen.

In der Pausenhalle wurde der Gesundheitsmarkt aufgebaut.
In den einzelnen Stationen lernten sie bei Frau Storm die ausgewogene Ernährung anhand der Ernährungspyramide
kennen und erstellten beispielhaft abwechslungsreiche Mahlzeiten mit Lebensmittelattrappen, bei Frau v.
Kaweczynski stellte mit den Kindern einen Obst und Gemüsekorb zusammen und sie durften den Kaloriengehalt
von verschiedenen Nahrungsmittel abschätzen und miteinander vergleichen. Bei Frau Nestler wurde mit
zusammengeklebten Zuckerstückchen den Zuckergehalt einzelnen Lebensmittel und Getränke veranschaulicht.
Bei Frau Avenriep lernten die Kinder die Hauptnährstoffe der Nahrung kennen, die in einem Puzzle
zusammengefügt wurden, sowie deren Bedeutung für den menschlichen Körper.

In allen Stationen waren die Kinder sehr aktiv bei der Sache und gut vorbereitet zu diem Tag gekommen.
Der Gestationsdiabetes war den Mädchen vorbehalten. Die Möglichkeit eines Schwangerschaftsdiabetes sollte
jeder Frau bewusst sein und in den Diskussionen waren die Mädchen dann oft über das Thema hinausgegangen.
Mit Begeisterung haben sich fast alle Jungen und Mädchen den Bz messen lassen und festgestellt, dass „es
ja eigentlich gar nicht weh tut“.

Um ein gutes Ergebnis dieses Tages vorweg zu nehmen, keiner der getesteten hatte einen erhöhten Bz Wert.
In den Klassen konnte sie ihr Wissen durch Beantworten von Fragen auf Arbeitsblättern testen und in einer
Tombola bekam jeder einen kleinen Gewinn. Grosses Interesse zeigten die Kinder an den verschiedenen
Insulinspritzen, sowohl den aktuellen Pens der Insulinhersteller, wie auch den historischen Geräten, die ein
langjähriger Diabetiker aus der Diabetikerselbsthilfegruppe erklärte.

Ein besonderes Ereignis dieses Tages – sicher für viele Schülerinnen und Schüler auch das eindrucksvollste –
war das gesunde Frühstück. Ihre Klassenräume verwandelten sich in Restaurants und es gab alles, was ein
gesundes Frühstück ausmachen sollte: Vollkornbrot und Vollkornbrötchen aller Art, gesunden Aufschnitt,
frischen Salat, Gemüse, Gurken, Tomaten und Obst. Für viele Kinder aus der McDonald’s und Coca Cola
Generation unerwartet gut schmeckende Zutaten.

Hierbei sei angemerkt, dass die Schule bereits unabhängig von diesem Projekttag plante, ein regelmäßiges Pausenfrühstück einzuführen. So wird dieser Gedanke eines gesunden Frühstücks die Kinder weiter begleiten.
Wie erwartet waren die Gespräche in den Klassen mit Diabetikern ein ganz besonderes Erlebnis. Niemand kann
so über sich und seinen Diabetes berichten, wie ein Diabetiker selbst. Die Schülerinnen und Schüler hatten
Fragen vorbereitet, doch meist kam man sehr schnell davon ab und es entwickelten sich teils sehr intensive
Gespräche. Besonders Frage, wie „Haben sie durch den Diabetes ihre Freund verloren“, oder nach den Reaktionen
der Angehörigen zeigen deutlich, was Kinder bewegt. Eine Klasse konnte sich nicht von „ihren“ Diabetikern
trennen und lies dafür die nachfolgende Station einfach aus.

Wie haben wir diesen Tag erlebt?

„Nur in wenigen Beratungsgesprächen, die ich im Laufe meines Arztdaseins bisher geführt habe, hatte ich so
viel Freude wie hier.“i0 Dieser Satz von Herrn Dr. Menzel spricht für sich.
So oder so ähnlich habe es alle empfunden, die an diesem Tag unterrichtet, gelehrt, informiert und mit den
Kindern gesprochen haben. Die Begeisterung, die Neugier und unbefangenen Fragen habe alle überrascht.
„Dieser Tag hat mir persönlich viel Spaß gemacht“i0 sagte eine Mitarbeiterin der Fa. Lifescan, „..die strahlenden
Augen, wenn alles überstanden war,“i0 sah eine Apothekerin nach den Bz Messungen.
„Ich denke, der Projekttag war für alle eine Bereicherung, und dass diese Art der Aufklärung an den Schulen
viel öfter ermöglicht werden sollte,“i0 äußerte eine der teilnehmenden Diabetikerinnen.
Ein anderer Diabetiker und selbst ehemaliger Lehrer sagte: „Wenn durch die Aufklärung die Kinder angehalten
werden, gesünder zu leben, ist es eine Belohnung für alle, die viel Initiative, Zeit und Mühe in diese einmalige
und gelungene Veranstaltung aufgebracht haben.“i0

Und wie haben es die Kinder erlebt?
Das sagen sie selbst:
„Es war ein toller Tag,“i0 und „ die Selbsthilfegruppe hat mir gezeigt, wie man damit leben kann.“i0 ( Maren).
„Die Messung, ob man die Zuckerkrankheit hat, fand ich super, da es nicht weh getan hat.“i0 (Sven ) .
„Ich dachte in Nutella wäre gar nicht soviel Zucker, da habe ich mich getäuscht“i0 ( Lukas ).
„Es war ein guter Tag und alle die mitgemacht habe, kriegen ein dickes Lob dafür!“i0 (Leonhard)
„Zwei Diabetiker kamen extra von weit weg zu uns“i0 (Monja)
„Die Station mit den Kilokalorien fand ich richtig gut, weil da jeder etwas machen kann!“i0 (Endad).
„Die Geschichten von den alten Männern werde ich so schnell nicht vergessen“. (Georgia)
„An diesem Tag habe ich auch gelernt, dass man nicht zu viele Süßigkeiten essen darf, sondern mehr Obst und
Gemüse.“i0 (Franciska)
„Ich gewann ein Kochbuch! Danke für den tollen Tag.“ ( Phillip)
“Das gesunde Frühstück hat sehr gut geschmeckt!“ (Kim)
Die gute Vorbereitung und Organisation durch Herrn Dr. Teiwes hat sich mehr als gelohnt. Über mehr als 5
Stunden waren die Klassen, geführt von ihren Klassenlehrern, im Schulgebäude unterwegs zu den einzelnen
Veranstaltungen und es gab keine nennenswerten Verzögerungen. Alle Fahrschüler haben pünktlich ihren Bus
erreicht.

Bei den Lehrern, an diesem Tag überwiegend mit organisatorischen Aufgaben betraut, wich die vereinzelte
anfängliche Skepsis zum Ende der Veranstaltung hin Kommentaren, wie „ da habe auch ich heute dazu gelernt.“

Danach

Der Ablauf und das Ergebnis des Projekttages waren hoch zufriedenstellend. In den folgenden Tagen wurden
in den einzelnen Klassen thematische Nachbereitungen durchgeführt, viele Mädchen und Jungen haben Berichte
über diesen Tag geschrieben und sich bei den Schulexternen mit einer persönlich gestalteten Bildkollage bedankt.
Positive Rückmeldungen kamen auch von den Eltern, auch von denen, die selbst nicht an diesem Tag in der
Schule dabei waren. In vielen Familien wurde über den Diabetes gesprochen und nach Diabetikern unter den
Vorfahren geforscht. Von den Elternvertretern wurde der Wunsch geäußert, einen Informationsabend zum
Thema Diabetes durchzuführen, wo dann auch noch mal offene Fragen der Eltern besprochen werden sollen.
Diese Veranstaltung wird in einigen Wochen stattfinden.

Fazit

Diese Veranstaltung war ein Pilotprojekt, in dieser Form wohl bisher einmalig in Deutschland. Der Aufwand
aller Beteiligter war hoch, zwei Arztpraxen, zwei Apotheken, Mitarbeiter von Pharmafirmen und eine ganze
Schule wurden für einen Tag eingebunden.
War es den Aufwand wert?
Meine Antwort ist uneingeschränkt ja!
Kann man den Diabetes verhindern?
Wahrscheinlich nicht. Ich halte es für unrealistisch anzunehmen, durch Aufklärung kann man den Lebensstil
der Bevölkerung nachhaltig beeinflussen.


Die Sensibilität für den Diabetes erhöhen, das Verständnis wecken und die Vorbehalte vor einer notwendigen
Behandlung abzubauen – das kann man erreichen. Wenn schon der Diabetes nicht verhindert werden kann,
so ist doch ein erheblicher Einfluss auf Folgeerkrankungen durch rechtzeitige und konsequente Therapie möglich.
Insbesondere beim Gestationsdiabetes.


Ein weiterer Aspekt ist die körperliche Aktivität. Die Förderung des Breitensportes. In der Schule können gerade
die Kinder Freude an der Bewegung erfahren, die sich sonst nicht viel bewegen. Stundenlanges Fernsehen
oder Computerspiele verhindern Bewegung. Hier sehe ich eine strategische Aufgabe des Schulsportes.
Dieser Tag war ein Anfang, ein erster Schritt. Ganz sicher werden weitere Veranstaltungen in Schulen folgen
müssen.


Nach meiner Auffassung hat hier die Diabetologie und die Diabetologen gegenüber den Kindern von heute
und den Erwachsenen von morgen eine elementare Verantwortung. Und jeder Schule wünsche ich einen
Direktor Dr. Teiwes, der diese Probleme aufgreift und sich in einer derartigen Art und Weise einsetzt für seine
Schülerinnen und Schüler.

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